Heißt unerzogen sich von Struktur und Routine zu verabschieden?

Familienmitglieder können sehr skeptisch sein, wenn man die erzieherischen Maßnahmen beiseite tut- nämlich Lob, Strafe, Manipulation und Kontrolle. Sie verstehen einfach nicht, dass man auch Menschen, die neu auf der Erde sind, mit Vertrauen und Respekt entgegen treten kann. Katzen halten ihre Kätzchen nicht durch zerren vom Fluss fern oder wenden Gewalt an, damit sie ihr Futter essen. Wär komisch wenn doch.

Meine Mutter erzählte mir vor ein paar Tagen, ihr größtes Problem mit einem friedlichen Paradigma ist, dass sie gerne einen durchstrukturierten Tagesablauf hat. Sie will keine Autos beim Essen auf dem Esstisch haben, kein Essen im Auto; im Großen und Ganzen geht sie ungerne Umwege und möchte keinen Umständen ausgesetzt sein.

 

Das sind Punkte, wo viele die Meinung vertreten, Kinder müssten zur Folgsamkeit gezwungen werden. Das Ding ist, Jemanden zu Irgendetwas zu zwingen bringt Machtkämpfe, Opferhaltung, Wut, Rachsucht und Misstrauen mit sich. Das ist ja das Problem mit der autoritären Paradigma.

 

Wie können wir also unsere Kinder begleiten, ohne total gehemmt zu sein; zur Selbstaufopferung gezwungen zu sein, dadurch, dass wir unsere Wünsche, Bedürfnisse und unseren Komfort aufgeben?

 

Erstmal kannst du deine Sozialisation und Konditionierung in Frage stellen:

 

Was ärgert dich genau und wieso?

 

Was sind wirklich deine Wünsche/Prinzipien/Werte?

 

Nach näherem Hinsehen, fühlst du dich wohler damit nun flexibel zu sein (deinem Kind den Gefallen zu tun etc.)?

 

Kannst du dich auf ein Kompromiss einlassen?

 

In den meisten Fällen führen diese Schritte zu einem friedvollen Dasein mit Kindern oder jedweden Menschen. Du gibst deine Überzeugungen nicht auf; du reflektierst und stellst die anerzogenen Überzeugungen in Frage.

 

Gibt es einen Wert, den du unter keinen Umständen über Bord schmeißen möchtest, z.B. zu bestimmten Zeiten gemeinsam am Tisch essen, besteht keinen Grund ihn nicht in deinem Familienalltag zu leben. Vorerst wird es normal für die Kleinkinder sein, die es nicht anders kennen. Dann kommt vielleicht der Tag an dem sie anderes unternehmen wollen, zu diesen festgelegten Zeiten.

 

Was tust du? Rennst du brüllend umher und befiehlst alle zu Tisch, verbreitest schlechte Stimmung in dem du deine Familie bei ihren Beschäftigungen störst; wirst du wütend oder sogar hysterisch, lässt das Essen kalt werden? Selbst wenn es funktionieren würde, entspricht das Ergebnis deiner Fantasievorstellung vom Familienmahl?

 

Du könntest auch einfach mit einem Lächeln im Gesicht essen. Du hast deine Familie Bescheid gesagt, dass das Essen serviert ist, doch sie sind gerade vertieft in Aktivitäten und werden später essen, oder sind nicht hungrig, weil sie vor eine halbe Stunde gesnacked haben. Du versicherst es ist in Ordnung und du wirst nachher sicher bei ihnen sitzen, wirst aber jetzt dein Essen zu dir nehmen. Du hast deine Routine, deine Familie kennt die festgelegten Zeiten und plant wahrscheinlich ihren Alltag drum herum. Sie sehen es ist dir wichtig und merken, dass du zu deinen Prinzipien und dir selber stehst.

 

Ich habe schon etliche Male alleine gegessen. Ich habe keine festen Zeiten, aber das Abendessen fällt meistens zwischen 16-17:30. Wenn ich Essen zubereitet habe, warte ich in der Regel nicht lange, bis ich es esse- meine Kinder wissen ich werde gnatzig wenn ich Hunger habe. Ich praktiziere Prävention und gebe rechtzeitig eine Zeitangabe, damit alle das einplanen können. Meistens hilft sowieso einer der Jungs, wenn nicht sogar beide beim Essen zubereiten.

 

Ich erinnere mich daran, dass Sully mit mir am Tisch saß, obwohl er keinen Hunger hatte (hatte Auswärts gegessen), nur um mir Gesellschaft zu leisten. Manchmal spielt Sully (10) Tablet und kommt ein paar Minuten später zu Tisch; einmal hat er viel später gegessen, weil irgendein Turnier in einem Spiel stattgefunden hat. Meistens kommt er aber rechtzeitig.

 

Manchmal essen Marley und ich auf dem Teppich, weil wir ein Brettspiel spielen oder er ist mit Autos oder seiner Eisenbahn im Gange; manchmal bestehe ich darauf am Tisch zu essen (wenn das Essen extrem zu kleckern droht)- dann kommt er… oder auch nicht.

 

Ich wohne zurzeit nicht in einer Großfamilie oder Community. Es gibt also wenige Situationen in denen Mahlzeiten in einer großen Runde mit lebhaften Konversationen stattfinden, welche meine Kinder beobachten und Nachahmen können. Situationsbedingt wird so etwas wie am Tisch essen über Bord geworfen- ich esse nämlich lieber zwischen haufenweise Spielsachen auf dem Teppich mit meinen Kindern, anstatt alleine am Tisch.

 

So stellst du dir dein Familienleben nicht vor? Jeder macht was er will? Du denkst so lernen Kinder Werte nicht? Du denkst das hier ist alles Humbug?!

 

Klare Werte, Moralvorstellungen und Prinzipien zu haben ist das Fundament des Unerzogen-Lebens. Dadurch haben Kinder eine klare Sicht davon, wie das Leben so funktioniert, etwas, das Kinder tatsächlich im Heranwachsen brauchen. Sie werden aber nicht gezwungen die gleichen Werte anzunehmen und sind unvoreingenommen, wenn es darum geht ihre eigenen Werte zu entdecken.

 

Wenn Kinder nicht drangsaliert werden, ihnen nicht vorgeschrieben wird, was sie tun sollen und wann, werden sie nicht gemein, stur oder trotzig. Wenn du authentisch dein Mahl zur festgelegten Zeit an deinem Tisch genießt, werden sie dich begleiten. Wahrscheinlich nicht in der Übergangsphase vom autoritären zum friedlichen Paradigma, aber danach werden sie da sein.

 

Was für ein schönes Ritual, das du initiierst?! Was für ein tolles Geschenk an deiner Familie! Wieso solltest du versuchen sie protestierend an den Tisch zu zerren und sie dort festzuketten?

 



 

I invite you to take your liberty and join the revolution!

 

fShare
0
Pin It

Drucken E-Mail