Sind wir für unsere Bedürfnisse selbst verantwortlich?

Jeder hat Bedürfnisse, das ist keine Neuigkeit für die Meisten. Man kann vielleicht sogar sagen unsere Gesellschaft hat sich darauf spezialisiert, dass die Bedürfnisse vor allem die körperlichen, jederzeit befriedigt werden können. Es scheint jedoch immer mehr zum Konsens zu werden, dass wir für unsere Bedürfnisse selbst verantwortlich sind und uns nicht von anderen abhängig machen dürfen, um diese gestillt zu bekommen. Und so erziehen wir unsere Kinder früh zur Eigenständigkeit…es ist ja zu ihrem Besten, oder?

 

Aber es gibt Bedürfnisse, die einfach nicht von uns selbst gestillt werden können! Gemeinschaft ist ein Bedürfnis und auch der Wunsch einem geliebten Menschen etwas mitzuteilen. Jeder kennt das Bedürfnis als autonomes Wesen gesehen und anerkannt sowie als Individuum wertgeschätzt zu werden. Und manchmal haben wir das Bedürfnis uns einzumummeln und jemand anderen machen zu lassen. Vor allem Mama und Papa.

 

Wenn wir bemüht sind auf die Bedürfnisse unserer Mitmenschen ebenso wie auf unsere eigenen zu achten, so wird uns bewusst, wie sehr sich unser Leben doch um die Befriedigung von Bedürfnissen dreht. Alles endet in einem Bedürfnis – ich war grantig, weil ich Hunger hatte; er war beleidigt, weil er sich nicht wertgeschätzt gefühlt hat; sie war wütend, weil jemand ihre Autonomie in Frage gestellt hat; du warst frustriert, weil deine Bedürfnisse nicht anerkannt wurden…

 

Und wir können Strategien erkennen, die Menschen anwenden, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen – Video Spiele stillen das Bedürfnis nach Unterhaltung, lesen oder fernsehen stillt das Bedürfnis nach Ruhe, Entspannung oder Unterhaltung, den Kühlschrank durchforsten stillt das Bedürfnis nach Nahrung, den Tisch umdrehen und so tun als ob es ein Boot wäre stillt das Bedürfnis nach Spiel und Kreativität…

 

Es gibt aber auch Bedürfnisse, die nicht so einfach zu ergründen sind. Zum Beispiel wenn ein drei oder vier jähriges Kind ein Klettergerüst hochklettert, anfängt zu weinen und behauptet es komme nicht alleine herunter. Viele Eltern fangen mit einem Monolog an, „na klar kommst du alleine runter!“ samt detaillierter Anleitung wo die Hände und Füße hingehören. Es stimmt auch – na klar kommt das Kind wieder alleine runter…wenn es nur möchte! Tatsache ist, dass ein Bedürfnis gestillt werden will. Ist es das Bedürfnis, die Verantwortung für sich selbst mal abzugeben? Will es bemuttert werden? Stellt es wirklich die eigenen Fähigkeiten in Frage und erlebt eine kleine Panikattacke und muss gerettet werden?

 

Es ist extrem respektlos ein Kind zum alleine runterklettern zu zwingen und führt sicherlich dazu, dass das Kind die Fürsorge und Vertrauenswürdigkeit des Erwachsenen in Frage stellt. Wenn ein Kind sagt es hat Angst und kann nicht alleine runterklettern, sollten wir respektvoll reagieren und unsere Vertrauenswürdigkeit beweisen in dem wir die Leiter hochklettern, das Kind wie ein Äffchen an uns festhalten lassen, um sicher wieder unten anzukommen. Etwas wird gestillt; es ist egal welches Bedürfnis es ist.

 

Als Eltern tragen wir folglich die Verantwortung für alles, was unsere Kinder nicht tragen können. Kinder lernen mit ihrer persönlichen Verantwortung (alles was sie direkt betrifft) umzugehen und wollen sie ab und zu abgeben. Es ist an uns ihr Verhalten, welches stets auch eine Form der Kommunikation darstellt, zu navigieren und zu deuten. Manchmal kann das schwer sein – hier ein Emotionsausbruch, da ein geworfener Gegenstand, Stille als Antwort auf unsere Fragen oder das klassische Spiel ‚ich mach das Gegenteil von dem was du willst! ‘ In solchen Momenten sollten wir uns Zeit nehmen und inne halten in unserem Tun, uns mit unserer ganzen Aufmerksamkeit dem Kind zuwenden und mit ihm in Beziehung treten; alle anderen Reaktionen behindern nur einen verständnisvollen Umgang und wir verwehren uns und dem Kind einen positiven Lösungsweg.

 

Das Bedürfnis nach Selbstbestimmung ist essentiell (für Kinder wie Erwachsene) und wird oftmals nicht in ausreichendem Maße erfüllt, wenn künstliche ‚Grenzen‘ gesetzt werden, limitiert und gezwungen wird; aber auch wenn wir als Eltern bedürfnisorientiert und liebevoll mit unseren Kindern sind, kann es stressige Tage geben an denen es an Raum oder Möglichkeiten zum freien Spielen, sich bewegen oder Ruhe finden mangelt. So kann es passieren, dass unsere Kinder auf alles, was wir vor haben mit einem ‚nein‘ reagieren, z.B. Anziehen, Zähneputzen oder einfach mal in DIESE Richtung gehen. Auf der anderen Seite gibt es Phasen oder Momente in denen Kinder mit ihrer Autonomie und Verantwortung überfordert sind und mehr Führung wünschen. Das zeigt sich vielleicht, wenn ein Kind sich zwischen Lasagne, Pizza, Nudeln oder Reis nicht entscheiden kann oder will.

 

Aus diesem Grund kann es keine Kindererziehung geben. Kinder können nicht zur Eigenständigkeit erzogen werden – sie sind selbstständig, wenn sie es sein wollen und werden getragen, wenn sie es sich wünschen. In gleichem Maße wie ihr Körper wächst, reifen auch ihr Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. Damit sich dieses Wachstum auf natürliche Art vollziehen kann, müssen Kinder auf die Kontinuität der Beziehung zu ihren Eltern und Mitmenschen vertrauen können. Das bedeutet wir müssen die Bedürfnisse stillen, anstatt unseren Kinder Dinge aufzubürden, die sie noch gar nicht tragen wollen oder können.

 

Es ist allgemein bekannt, dass Menschen soziale Wesen sind. Das heißt, wir sind glücklich, wenn wir die Bedürfnisse unserer Mitmenschen stillen können! Es geht selten um die ‚Verantwortung‘ für die Bedürfnisse, sondern eher darum aufeinander Acht zu geben und sich zu respektieren. Wenn Autonomie, Respekt und Vertrauen gegeben sind, wirst du sehen, dass unsere Kinder uns in den Arm nehmen, wenn wir Nähe brauchen, die Lautstärke runter drehen, wenn es uns zu laut ist, mit uns aufräumen, wenn wir Ordnung benötigen oder uns zu Ende telefonieren lassen, bevor wir ihnen eine Frage beantworten.

 

Trotzdem haben Kinder noch nicht gelernt ihre Impulse zu kontrollieren und wir können nicht erwarten, dass sie unsere Bedürfnisse erfüllen. Dies zu erwarten ist schlichtweg naiv und entfremdet uns von unseren Kindern– wir sollten von einem Partner nicht einfordern uns sofort eine Umarmung zu geben, alles stehen und liegen zu lassen, um für uns da zu sein oder unsere Bedürfnisse über ihre eigenen zu stellen, umso weniger sollten wir dies von unseren Kindern fordern. Wenn unser Kind noch ‚einen Moment‘ braucht oder wiedermal daran erinnert werden muss, dass das Baby schläft, müssen wir Akzeptanz, Flexibilität und vor allem Verständnis für die Bedürfnisse anderer vorleben.

 

Wenn wir auf einschränkende erzieherische Maßnahmen verzichten, so bleibt die Beziehung. Wir erkennen das Individuum, den Entwicklungsstand, die Bedürfnisse und Wünsche, und gehen auf diese ein.

 



 

I invite you to take your liberty and join the revolution!

 



 

fShare
0
Pin It

Drucken E-Mail