Körperliche Autonomie, die Sexualität von Kindern und Selbstbefriedigung

Kinder haben genauso ein Recht auf körperliche Autonomie wie Erwachsene; nur weil sie kleiner sind und weniger wissen, heißt das nicht, dass wir sie zwingen können Dinge zu tun, die sie nicht begrüßen oder mögen. Was Wickeln, Zähneputzen, Anziehen oder Ausziehen angeht sollten wir so verspielt und kreativ sein wie möglich, doch wenn ein „nein“ kommuniziert wird, so muss dies respektiert werden. Wir müssen es unseren Kindern ermöglichen ihr Spiel zu Ende zu führen und Wege finden diese Durchführungen so spielerisch wie möglich zu gestalten, anstatt sie durch Befehlserteilung zu initiieren und Gehorsam statt Folgsamkeit zu erwarten.

Wir müssen auch unsere Beweggründe hinterfragen und schauen, ob Flexibilität nicht doch angebracht ist – wieso kann unser Kind nicht in seiner Alltagskleidung oder gar nackt schlafen? Wieso nicht seine Puschen im Supermarkt tragen oder die Hände beim Spielen im Wasser säubern, weil es ungerne die Hände auf Kommando wäscht? Warum sollte ein Junge keine Haarspangen oder Röcke tragen? Warum müssen Haare auf eine bestimmte Art und Weise geschnitten werden? Wieso sollte eine elfjährige ihre Beine nicht rasieren dürfen, wenn sie sich sonst unwohl fühlt? Warum darf ein zwölfjähriges Kind seine Ohren nicht piercen lassen oder wieso sollte ein fünfjähriges Mädchen? Muss mein Sohn seine Ohren, seinen Mund oder seinen Penis vom Arzt untersuchen lassen? Sollte eine Wunde genäht werden, wenn sie auch ohne Eingriff abheilen wird?

Unsere Kinder müssen ihre eigenen Komfortzonen und persönlichen Grenzen finden und müssen auch darauf vertrauen dabei mit Respekt behandelt zu werden. Wenn sie gezwungen, ihre Grenzen ausgelacht und beiseite geschoben werden, werden sie zurückhaltend, defensiv und weniger vertrauensvoll sein. Sie gewöhnen sich vielleicht sogar an ihre Grenzen zu missachten und sprechen womöglich auf Grund des Verlangens die Wünsche des Gegenübers zu erfüllen, eher kein 'nein' aus.

 

Die Missachtung der Selbstbestimmung über den eigenen Körper wirkt sich schädlich auf das Selbstwertgefühl der Kinder aus und lehrt sie, dass ihre Gefühle, ihre Vorlieben und ihre Ansichten bedeutungslos und irrelevant sind. Viele Eltern knüpfen ihre Fürsorge, ihre Liebe und auch ihre Emotionen an den Grad der Bereitwilligkeit ihres Kindes sich - trotz eines deutlichen neins - dem elterlichen 'wohlgemeinten' Vorhaben zu unterwerfen: „Mama ist traurig wenn du dich nicht anziehst“ „Papa wird wütend wenn du nicht in die Badewanne steigst“ „Bist du brav und putzt deine Zähne oder soll Mama dich auf die Stille-Treppe setzen?“ „Putz deine Zähne oder geh mir aus den Augen!“ Diese Machttaktiken stellen Kinder vor ein fürchterliches Dilemma. Sie werden für die Gefühle ihrer Eltern verantwortlich gemacht; ihnen wird mit Liebesentzug gedroht und sie müssen sich zwischen ihrer eigenen Integrität und der Zuneigung ihrer Eltern entscheiden.

 

Wenn Kinder springen sollen, sobald wir es anordnen und blind Befehle ausführen müssen, so werden Muster, die ihre Zukunft beeinflussen, etabliert. Sie werden es erwarten, sich Autoritätspersonen zu unterwerfen und werden diese sogar suchen. Sie werden bereitwillig Unannehmlichkeiten aushalten, um Liebe und Zuneigung einer Person zu erhalten. Sie werden anfällig für Gruppenzwang sein und ihre Integrität aus den Augen verlieren. Liebesentzug, Lob und Bestrafung erzeugen Individuen, die glauben sie müssten etwas tun, um Liebe zu erhalten, der Liebe Wert zu sein, um überhaupt sein zu dürfen. Es scheint nur logisch, dass in späteren Jahren Geschlechtsverkehr zur Triebfeder auf der Suche nach bedingungsloser Liebe wird.

 

Die traditionelle Erziehung beachtet nicht die psychologischen Auswirkungen, die Drohungen und Bestrafungen verursachen und legt ihren Fokus darauf Kinder zu etwas zu bekommen. Sie ermächtigt Eltern dazu ihren Schützlingen Richtig und Falsch durch erteilte Lektionen beizubringen, gleich ob sie dafür mit Härte vorgehen. Der Willen der Kinder ist nahezu wertlos und es werden ihnen Dinge auferlegt, die als 'Notwendigkeiten' deklariert werden.

 

Ich kenne Kinder, die Unterwäsche nicht ertragen, die in der Alltagskleidung schlafen oder ihre Pyjamahosen tagsüber tragen. Solches Verhalten zu erlauben führt keinesfalls dazu, dass aus unseren Kindern asoziale Erwachsene werden, die auf Grund ihres mangelnden sozialen Benehmens keine Arbeit bekommen; ich betrachte selbstbewusste Individuen, ermächtigt durch ihre Rechte und Entscheidungen, die ab und an ein klares, unmissverständliches „nein!“ äußern und dabei unerschütterlich davon überzeugt sind, dass ihnen gleichwohl mit Vertrauen und Respekt begegnet wird. Sie entscheiden sich folgsam zu sein, sind ruhig und zentriert, da sie z.B. keine Angst vor dem Festhalten zum erzwungenen Naseputzen zu haben brauchen, nachdem sie bereits „nein“ und „stopp“ gesagt haben.

 

Konträrer Weise wird nicht nur die körperliche Autonomie aberkannt. Moderne Eltern beginnen immer früher damit ihren Kindern beizubringen, dass ihre Intimzone nur von ihnen selbst angefasst werden darf und hören sogar auf ihre kleinen Kinder hier zu säubern, sie anzuziehen oder bei einem Bad dabei zu sitzen; diese Verrichtungen sollen sie nun alleine durchführen.

 

Wir sollten nicht davor zurückschrecken die Genitalien unserer Babys oder kleinen Kinder zu waschen und dies nicht in irgendeiner Form mit einem sexuellen Akt in Verbindung bringen. Diese Körperstellen sollten nicht anders angesehen oder gar in einer Ganzkörpermassage erkennbar ausgespart werden. Kleine Kinder sollten nicht ausgelacht, beschämt oder ausgeschimpft werden, wenn sie ihre Genitalien entdecken und auch nicht gesagt bekommen so etwas tut man nur unter der Bettdecke. Eine solche Handlungsweise legt einen Schleier des Mysteriums um diese Körperteile und schreibt ihnen ein Gefühl der Verkehrtheit und Unmoral zu. Diese Körperstellen sind der Untersuchung nicht weniger und nicht mehr wert wie die Finger oder die kitzlige Achselhöhle. Ein Teenager versteht es, wenn wir sagen, die Genitalien sollten nur mit Einverständnis berührt werden, doch ein Dreijähriger profitiert sicherlich nicht von solch vorzeitigem Rat. Fragen kommen auf, die in diesem Alter unbegreiflich sind: Wieso wird mit diesen Körperteilen anders umgegangen? Wieso sollte jemand sie anfassen wollen? Wieso wäre es falsch es zuzulassen? Warum ist es falsch eine Stelle meines Körpers anzufassen, wenn es sich doch schön anfühlt?

 

Egal welche Neugierde oder (Selbst-)Entdeckungsfreude Kinder treibt, sie werden zu gegebener Zeit gestillt (und das auch eher, wenn wir aufhören sie hervorzuheben und unnormal zu nennen). Manche Kinder verbringen mehr Zeit damit mit ihren Genitalien zu spielen, andere weniger und beides ist weder seltsam noch falsch oder schädlich für ihre Entwicklung. Manche Kinder teilen ihre Neugierde mit anderen Kindern, andere erleben ihr Spiel als sehr persönlich und sollten daran gewöhnt sein, dass ihr „nein“ gehört und respektiert wird, sollten sie sich in einer Situation wiederfinden in der sie davon Gebrauch machen müssen. Diese Phasen können, abhängig vom Kind, sporadisch oder verlängert sein. Es ist durchaus möglich, dass ein Kind es aus Langeweile tut, wenn ihm Ideen zum anderweitigen Spiel fehlen; ist dies der Fall freut es sich gewiss über neue Angebote und Aktivitäten.

 

Das Spielen fühlt sich gut an, sowie eine Rückenmassage das auch tut; es hat rein gar nichts mit der Sexualität oder der Motivation eines Erwachsenen gemein. Das eine Kind lutscht am Daumen, um sich selbst zu befriedigen, ein anderes wiegt sich auf dem Teppich oder an einem Kissen. Das ist keine Masturbation – sie kommt mit der sexuellen Reife. Haben wir ein Problem damit unser Kind dabei zu erleben, wie es so etwas macht, so müssen wir uns fragen welcher Konditionierung wir ausgesetzt waren, um unser Unwohlsein nachvollziehen und auflösen zu können.

 

Kinder, die respektvollen Umgang genießen dürfen, werden aufmerksam auf unseren Hinweis reagieren, dass es nicht sozial akzeptabel ist die Genitalien in der Öffentlichkeit anzufassen, ähnlich wie wir auch unsere Brüste oder Penisse nicht entblößen.

 

Sobald Kinder tatsächlich anfangen sich selbst (im gewöhnlichen Sinn) zu befriedigen, machen sie das privat. Es ist absolut normal und entwicklungstechnisch korrekt; sie entdecken ihre Körper, die sich rasend schnell verändern, und ihren Sexualtrieb. Es ist wichtig das auch im Schutz des eigenen Zuhauses tun zu können, es bereitet sie auf den späteren Geschlechtsverkehr vor und ermöglicht es ihnen sich in ihrem Körper wohl zu fühlen.

 

Wenn Zuhause die Sexualität verteufelt wird, werden Kinder von einem wichtigen Teil ihres Selbst entfremdet und finden keinen gesunden Umgang mit diesem unverzichtbaren Puzzlestück ihrer Entwicklung. Gibt es keine Akzeptanz, so besteht kein Raum für Konversation und keine Freiheit für die Neugierde und das Lernen, wodurch Kinder in einen Zustand der emotionalen Vernachlässigung geraten. Wenn sie masturbieren fühlen sie sich falsch, böse und sogar dreckig.

 

Da die an Bedingungen geknüpfte Elternschaft Kinder dazu veranlasst bedingungslose Liebe durch Geschlechtsverkehr zu erlangen, wird Selbstbefriedigung häufig als ebendies verwendet: um sich selbst zu beruhigen, zu trösten und zu lieben. Psychologen beobachteten dies bei Waisenkindern, die vernachlässigt und missbraucht wurden. Hier wurde Selbstbefriedigung eine Suche nach Glück, eine Zuflucht aus der emotionalen Einsamkeit und ein Hilfsmittel den Selbsthass, der mit Missbrauch für gewöhnlich einhergeht, zu besänftigen.

 

Unsere Haltung und unser Umgang mit körperlicher Autonomie sind hier entscheidend, wie mit allen Dingen, die unsere Kinder betreffen. Unsere Akzeptanz und Bestätigung der natürlichen Entwicklung sind notwendig, um gesunde Assoziationen mit Sexualität zu ermöglichen und unser Respekt ermächtigt unsere Kinder als Individuen „nein“ zu sagen und diesem Wort auch Gewicht zu verleihen; etwas, das wir unseren Kindern wünschen; etwas, das wir nähren oder ausradieren können.

 



 

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