Autorität herausfordern

Meine eigene Kindheit war dadurch gekennzeichnet, dass ich jegliche Autoritätspersonen auf Legitimität untersucht habe. Es fühlte sich für mich so an, als besäße ich das Recht sie entweder zu akzeptieren oder abzulehnen; je mehr eine Autorität die Kontrolle über mich forcierte, desto weniger respektierte ich sie. Dieser Charakterzug ist in unserer Gesellschaft eine Bürde und machte es mir unmöglich ungehindert durchs Leben zu gleiten. Manche Erwachsene sahen es als niedliche Macke, andere mit Sicherheit nicht.

Wenn ich jetzt meine Erfahrungen reflektiere, bringt es mir ein gewisses Verständnis für das, was mich damals getrieben hat, doch damals fühlte ich mich tatsächlich einfach störend und falsch. Ich lernte in der dritten Klasse das Wort ‚Protest‘ und organisierte die erste Demonstration für längere Pausen. Ich stellte immer die Themen, die wir in der Schule lernen sollten, in Frage und akzeptierte die Meinung, die Ruckschlüsse oder das Agenda des Lehrers nicht, ohne sie zuerst herausgefordert zu haben. Hatten wir Hausaufgaben auf, entschied ich selber, ob ich darin Sinn fand, sie zu erledigen und vertritt meine Überzeugungen ohne Scham vor dem Lehrer. Ich musste einfach den Sinn und Zweck in etwas sehen und mich dafür begeistern, bevor ich es unternahm. Ich musste einen Menschen respektieren bevor ich etwas tat, worum er mich bat. Und das war das Problem: Tradition diktiert, dass Kinder sich Erwachsenen unterordnen und sie gehorchen müssen; dass sie den Glauben übernehmen müssen, sie hätten die Würde, die Wahl und den freien Willen weniger verdient als Erwachsene. Ich ließ mich jedenfalls nicht kontrollieren und bockte mich durch jeden Versuch meinen Willen zu brechen und mich zu Gehorsam zu zwingen.

„Starker Wille“ hieß es. Der, der einen besitzt kämpft um sein Recht auf einen intakten Willen. Sich vor unangefochtener Autorität zu beugen und blind zu gehorchen, anstatt entschlossen zu folgen, bedeutet den eigenen Willen mit dem eines anderen zu ersetzen. Es war mir möglich zu tun was mir gesagt wurde, doch es musste meine Entscheidung sein.

 

Als junger Teenager suchte ich Bedeutung: die Bedeutung von Autorität und die Wurzel des Respekts. Ich war überzeugt, dass die meiste (wenn nicht alle) Autorität überflüssig sei, dass Respekt nicht automatisch hervortrat und, dass alles außer legitimer Respekt und Autorität Unterdrückung oder Unterwerfung als Ergebnis hatte. Bald fand ich dann einen Begriff für meine Überzeugungen: Anarchie. Er stammt aus dem Griechischen; ‚An‘ heißt ohne und ‚Archon‘ heißt Herrscher/Autorität. Anarchie bedeutet Autorität wird herausgefordert und auf Legitimität untersucht (und darüber hinaus vieles mehr).

 

Als ich also Mutter wurde erlebte ich arge innere Konflikte gegenüber meiner Rolle als Elternteil. Eltern besitzen eine natürliche Autorität, doch ab wann wird sie zur Tyrannei? Mit unserer kulturellen Prägung ist es einfach ein Kind als unseren Besitz zu betrachten, und zu beeinflussen, so wie es uns gefällt: Mein Sohn wird ein braver Junge. Ich möchte, dass er Klavier spielt. Er wird modebewusst. Seine Haare werden gepflegt sein. Lass uns ihn im Fußballclub anmelden (denn er liest so viel und gerne und sollte aktiver werden). Nein, ich schmiere dir nicht dein Brot, es ist Zeit, dass du es selbst lernst…

 

Wenn ein Kind sich unserem Willen nicht unterwirft oder ihn gar herausfordert, es zu bestrafen und Gehorsam zu erzwingen wird niemals den wahren Respekt herbeiführen, der für die Entwicklung der sozialen Fähigkeiten unabdingbar ist. Das wäre Respekt, das nicht von der Angst veranlasst wird. Kinder dazu zu erziehen, zu sagen und tun, was wir für richtig halten und ihnen die Wahl wegnehmen, ihnen selbstbestimmtes Lernen – das heißt sich inspiriert fühlen und von der intrinsischen Motivation und natürlichen Entwicklung geleitet werden – vorzuenthalten, zeugt kein respektvoller Umgang und ermöglicht es uns nicht das autonome Individuum zu erkennen.

 

Dadurch, dass wir uns als Autorität für jüngere Menschen selbst proklamieren und den Jünglingen es nicht erlauben diese Macht herauszufordern und zu untersuchen, sich dazu zu entscheiden unsere Autorität zu respektieren und sich auf positive Art und Weise darauf zu verlassen, so verursachen wir herkömmliches hierarchisches Denken.

 

Viele (wenn nicht alle) von uns wurden auf diese Art erzogen. Wir wurden belächelt, beschämt, erzwungen, manipuliert, physisch wie emotional verletzt, damit wir so und so sind, ohne uns die Wahl zu geben, uns dafür freiwillig zu entscheiden so und so zu sein.

 

Sie spielten mit unserem Selbstwertgefühl, drohten uns mit Liebesentzug, setzten Grenzen ohne Rücksicht auf unsere Wünsche. Unsere Bedürfnisse wurden beiseite getan – „Du bist alt genug!“ „So schlimm ist das nicht!“ „Hör endlich auf!“ „Du musst das tun!“ „Alle müssen das!“ „Weil ich es sage!!“ Kinder werden selten ernst genommen. Und die Frustration, die wir aushalten mussten, hat unsere Kindheit geprägt. Erwachsene waren fremd, der Feind, Tyrannen.

 

Wir wurden nicht sozialisiert; mit uns wurde auf höchst asoziale Art umgegangen, eine Art, die unsere Intuition, unsere Nächstenliebe verstümmelt hat und unser Fokus auf die Machtausübung gerichtet hat. Wir wurden in Konkurrenz gesetzt, gelehrt unsere Genossen im Wettkampf schlagen zu wollen, auf unmenschliche, respektlose und erniedrigende Art beurteilt und benotet. Wir wurden beherrscht, kontrolliert und bestraft, sollten wir aus der Reihe getanzt haben und dann mit Belohnungen besänftigt, damit wir ja auch weiter gehorchen.

 

Schlussendlich werden Kinder in den Glauben versetzt, sie gehörten nicht zu den Erwachsenen, weil sie minderbemittelte Geschöpfe sind, die hören müssen, doch gleichzeitig werden sie auch noch (von Autoritätspersonen) gegeneinander ausgespielt. Versetzt in einem Zustand der Konkurrenz, das zu emotionaler Isolation und Vereinsamung führt, lernen manche Kinder schnell die Autorität zu diskreditieren und abzulehnen und in wahre Zugehörigkeit sich zusammenzutun – wodurch sie sich ein menschliches Grundbedürfnis erfüllen.

 

Ich denke an meine Kindheit zurück; ich erinnere mich daran wie ich mich gefühlt habe und ich lasse diesen ungerechten Brauch los, meine Söhne so formen zu müssen, wie diese Gesellschaft sie als richtig betitelt und von den traditionellen Erziehungsmethoden Gebrauch zu machen. Ich beuge mich vor keinen vorgefertigten Regeln oder Autoritäten ohne sie auf Legitimität zu untersuchen und denen aus freien Stücken zu folgen; warum sollte ich etwas anderes von meinen Kindern erwarten?

 

Ich heiße es willkommen, wenn meine Kinder meine natürliche Autorität untersuchen und sie anhand der erfassten Last der Beweisführung, sich dazu entscheiden sie zu respektieren. Meine Worte werden als Rat gesehen. Entweder Mensch hat Autorität oder Mensch hat sie nicht… wenn sie legitim ist, wie die Autorität von Eltern, dann bedarf sie keinen Nachdruck.

 

Und all das bedeutet nicht, dass ich in Gefahrensituationen nicht handele; ich würde jeden Menschen davon abhalten in den Straßenverkehr zu treten oder einen giftigen Pilz zu essen. Solch selten auftretenden Situationen haben wenig mit dem Missbrauch von Autorität und Macht zu tun.

 

Stabile, bedingungslose Beziehungen, die auf Respekt und Vertrauen basieren, zählen im Leben und führen zu der Entwicklung von tatsächlichen sozialem Verhalten. Es kann kein Frieden geben ohne Freiheit; kein Frieden ohne Anarchie. Der Wille und die Würde eines Menschen können nicht durch Alter limitiert werden. Wie sollten Kinder Respekt wahrnehmen, wenn sie respektlos behandelt werden? Wie sollten sie lernen Bedürfnisse wahrzunehmen und sich in Empathie zu üben, wenn die Erziehung auf Verhaltensmodifikation und Manipulation fokussiert? Warum überrascht es uns, wenn Kinder traditionelles Erwachsenen-Verhalten nachahmen, nämlich das Unterdrücken und Beherrschen anderer durch Machtausübung?

 

Es ist an der Zeit Kinder als gleichwürdige Menschen anzuerkennen; wenn wir das tun unterbinden wir den schädlichen Kreislauf.

 



 

I invite you to take your liberty and join the revolution!

 

 

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