Sollte Teilen erzwungen werden? Muss Großzügigkeit anerzogen werden?

Wenn kleine Kinder zum Spielen zusammenkommen denken Eltern oft, „könnt ihr nicht in Ruhe spielen und einfach mal teilen?!“ Es scheint so simpel zu sein, doch die Realität sieht anders aus – es ist kein einfaches Thema. Zu Teilen bedarf Vertrauen, ein gewisses Maß an sequenziellem Denken und innere Stabilität. Ein Kind, das sich in der Umgebung unwohl fühlt oder müde und gekränkt ist, wird sein Spielzeug nicht willentlich teilen. Es ist leicht sich in die Rolle des Befehlenden zu begeben und Kinder zum Teilen zu zwingen, doch das bedeutet ihre Emotionen und ihren Willen zu negieren, was wiederum mehr Schaden als Gutes anrichtet.

Viele Eltern fragen sich, wie wird mein Kind das Teilen lernen, wenn ich es ihm nicht zeige? Wie wird mein Kind soziale Fähigkeiten entwickeln, wenn ich ihn nicht in die richtige Richtung lenke? Wie wird es Freunde finden? Ich muss doch Großzügigkeit unterrichten! Ich muss seine Wahrnehmung und Fürsorge für andere vertiefen!

Zu glauben wir als Erwachsene müssten etwas tun, um Großzügigkeit, Empathie und Wohlwollen hervorzuheben beruht an sich auf fehlerhaften Schlussfolgerungen. Kinder dazu zu zwingen ihr Spielzeug abzugeben sobald ein anderes Kind es haben möchte, ist eine Strategie die solche Qualitäten bestimmt nicht hervorhebt. Mitgefühl für andere kann nicht entwickelt werden, wenn einem Menschen selbst kein Mitgefühl entgegengebracht wird. Weiterhin stellt sich die Frage, wieso ein Kind dazu angehalten wird etwas von sich abzugeben, ganz nach dem Prinzip es sei gut und richtig seinen Besitz zu teilen aber falsch, unhöflich und sogar unfair seine eigenen Grenzen zu bewahren in dem man sagt „nein, das mag ich nicht teilen.“ Der Grundrespekt gegenüber Besitz, der zwischen Erwachsene besteht, scheint bei unseren Kindern in Vergessenheit zu geraten. Eltern negieren den Besitzanspruch ihrer Kinder und bestärken dabei die Missachtung ihrer persönlichen Grenzen.

Kinder dazu zu zwingen ihr Spielzeug abzugeben fördert keinen gesunden Umgang und Assoziation mit dem Teilen. Es verursacht vielmehr Verlustängste und bringt Kinder dazu sich verstärkt an Sachen zu klammern. Wenn Teilen erzwungen wird, ist die Erfahrung nicht von Großzügigkeit, Empathie und Wohlwollen oder gar freiem Willen geprägt. Sie fühlt sich negativ an; das Kind fühlt sich ungerecht behandelt und entfremdet.

 

Während Kinder die Welt verstehen lernen, ihre Rolle und ihren Platz darin finden, ihre Fähigkeiten kennenlernen und herausfinden wie sie ihre Kraft und Macht anwenden können, erkennen sie, dass es Dinge gibt, die sich in ihrem Besitz befinden. Sie merken, wenn etwas entfernt wird und mit der Willensentwicklung in der Autonomie Phase geht der Wunsch einher, den persönlichen Besitz in Eigenregie zu verwalten.

 

Ein „Nein!“ steht nicht zur Debatte, wenn es um persönliche Gegenstände geht; es muss respektiert werden. Fragen wir „kann M. dein Auto mal ausleihen?“ so muss es eine Auswahl an Antworten geben, ansonsten wäre dies keine Frage, sondern ein Befehl. Manche Kinder klammern sich mehr als andere an ihren Besitz, dabei sind beide Extreme weder falsch noch bedürfen sie der Korrektur.

 

Obwohl kleine Kinder so getrieben von ihrem Willen nach Autonomie sind, haben sie häufig nicht die Fähigkeiten ihn zu verteidigen, vor allem wenn die Erwachsenen zum Gegner werden, weil sie etwas wegnehmen in dem Versuch das Teilen zu unterrichten. Wir müssen die Grenzen unserer Kinder bewahren, wenn sie es alleine nicht können. Die Dringlichkeit mag dem einen oder anderen als überdramatisch, asozial, psychotisch oder falsch vorkommen, doch ich glaube diese Emotionen sind authentisch und ehrlich. Ihre Instinkte leiten sie dazu an ihren Besitz zu verteidigen und ihr Wille motiviert sie dazu selbstbestimmt zu entscheiden. Ignorieren wir diese Triebe unserer Kinder, so geraten sie in wahre Not.

 

Wenn wir unseren Kindern sagen, sie müssten ihr Spielzeug teilen, sich nicht so anstellen und sich einfach mal vertragen, sprechen wir ihre Emotionen nicht an. Sie bleiben unbestätigt, unbeachtet und erfahren keine Unterstützung. Kinder verweilen in einem Zustand der Trennung statt in Beziehung.

 

Anstatt eine Stoppuhr zu stellen nach der wir die Situation unter unsere Regie nehmen und unsere eigenen Vorstellungen vom Teilen den Kindern überstülpen, können Kinder, die die Möglichkeit haben ihr Spiel zu Ende zu führen (egal wie lange es brauchen mag!) die Qualitäten entwickeln, die viele Eltern zu unterrichten versuchen. Kinder empfinden Mitgefühl, wenn ein anderes Kind sich über sein Dran-Sein freut, sind eher gewillt mitzuspielen während sie warten und unterstützen das Spiel z.B. wenn sie das Auto, worauf das andere Kind sitzt, mitschieben, denn sie halten sich nicht an rigiden Regeln oder falschen Grenzen wie Zeitbegrenzungen fest – sie sind in eine echte, authentische Situation einbezogen, mit echten Menschen und echten Bedürfnissen! Die Dauer und das Warten sind nicht das Problem; Kindern ist Fairness wichtig.

 

Haben Kinder die Gelegenheit sich für das Teilen zu entscheiden, wenn sie darauf vertrauen, dass wir alles dafür tun ihren Willen nach Selbstbestimmung zu behüten, dann entwickeln sie die sozialen Fähigkeiten, die sie brauchen, um in einer Gruppe von Gleichaltrigen zu spielen, anstatt dabei zu stagnieren all ihren Erdenbesitz zu verteidigen. Kinder, denen die Autonomie ihr Spiel zu Ende zu spielen bevor sie ein Spielzeug an den Nächsten abgeben fremd und unbekannt ist, müssen erst einmal darauf vertrauen, dass sie es auch dürfen. Sie werden ihr Dran-Sein hinauszögern. Es ist unabdingbar, dass wir es ihnen ermöglichen zu Ende zu spielen ohne sie zu zwingen oder ihnen zu drohen, damit dieses Vertrauen fruchten kann.

 

Während Kinder auf ein anderes Kind warten, können wir ihre sich entwickelnde Impulskontrolle unterstützen, indem wir ihre Emotionen bestätigen und sie ins Spiel miteinbeziehen oder anders (z.B. durch Rennen oder andere körperliche Spiele, die beim Frustabbau in der Wartezeit helfen) beschäftigen bis es an der Zeit ist zu Tauschen.

 

Kleine Kinder benötigen unsere Unterstützung und Ideen für die Konfliktlösung; sie finden Verwendung für die Strategien die wir ihnen zeigen, sobald sie deren Nutzen erkennen:

 



 

*Der ausgestreckte Arm mit flacher Hand ist ein Signal für „Stopp!“, das ein Hauen oder Schubsen ersetzt.

 

*Eine Erinnerung daran, dass wir als Begleiter und Mediator dienen.

 

*Eine Erinnerung daran, dass Worte einen weiterbringen als z.B. an der Kleidung ziehen oder Schubsen.

 

*Tauschgeschäfte anbieten.

 

*Alternatives Spielzeug anbieten.

 

*Kommunales Spielzeug Zuhause haben.

 

*Wenn ein Kind schaukelt, kann das andere Anschwung geben; wenn eines auf dem Bobbycar sitzt, kann das andere schieben, Verkehrspolizist sein oder eine Straße bauen bis geparkt wurde.

 

*Wir müssen Gefühle validieren und sie ernst nehmen, doch auch darauf bedacht sein, das Drama nicht zu verstärken. Manchmal sind unsere Animation und die Umlenkung der Aufmerksamkeit auf positive Möglichkeiten mitzuspielen eine gern gesehene Wohltat für Kinder. Wirft ein Kind z.B. die Sandburg des anderen um, so sagen wir, „er hilft dir! Der Drache ist gekommen!“ oder der Sturm etc. Unsere Fantasie kann das Spiel bereichern und Kinder auf neue Ideen bringen.

 



 

Wenn Kinder erst einmal in der Gewohnheit sind gewisse Strategien zu benutzen und auch daran gewöhnt sind in Gruppen von Gleichaltrigen zu spielen, benötigen sie nach und nach weniger Begleitung und lösen selbstbewusst und selbstbestimmt Konflikte. Wenn sie darauf vertrauen, dass sie eine Wahl beim Teilen haben, so machen sie dies meiner Erfahrung nach frei und froh.

 

Jemand gab meinem Sohn eine Banane als er gerade zwei geworden war und sagte ihm es sei nun seine; dann wollte diese Person jedoch auch abbeißen. Marley sagte „nein!“ Die Person sagte dann er müsse teilen, dass die Banane für alle da sei und sah ein Problem darin, dass Marley Besitzanspruch auf seine Banane erhob. Die Situation wurde hitzig, deshalb griff ich ein und erklärte, dass ihm die Banane geschenkt wurde und seine Antwort auf die Frage, ob er sie teilen wolle respektiert werden sollte. Nach ein paar Bissen dreht sich Marley gutgelaunt (und selbstbestimmt) um und bot jedem ein Stückchen von seiner Banane an.

 

Marley hatte ein Lieblings-Bobbycar, das er nicht gerne teilte und wenn er einparkte mochte er es überhaupt nicht, wenn es verrückt wurde. Meine beste Freundin und ich gewöhnten uns an den potentiellen Konflikt, wenn sie mit ihrer Tochter, die zwei Jahre jünger als Marley ist, zu Besuch kam. Wir beschützten seine persönlichen Grenzen und erklärten so oft es notwendig war, dass es Marleys besonderes Auto war und, dass kein anderer darauf spielen könne. Wir waren ständig präsent während unsere kleinen Kinder spielten, bereit sie durch Konflikte hindurch zu begleiten, zu kommunizieren und Vorschläge zur Konfliktlösung anzubieten. Zu unserer Überraschung bestand Marley darauf seiner Freundin ihr eigenes Bobbycar zu kaufen, worauf sie bei uns Zuhause spielen konnte.

 

Wenn persönliche Grenzen etabliert werden, akzeptieren Kinder diese schnell. Persönliche Grenzen, Respekt für Mitmenschen und Selbstrespekt fließen in jede Situation hinein und wenn sie anerkannt, ernst genommen und von klein auf wertgeschätzt werden, so sind sie im weiteren Leben selbstverständlich.

 



 

I invite you to take your liberty and join the revolution!

 

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